Polizeiarbeit und psychologische Erkenntnisse sind eng verknüpft. Die Beiträge des Symposiums thematisieren kompetenzbasierte, diskriminierungssensible Polizeiarbeit sowie den Einfluss von Vorurteilen, Stereotypen und organisationalen Strukturen auf polizeiliches Handeln.
Eine Untersuchung zur internationalen Polizeiarbeit zeigt, dass Austauschprogramme Fach- und Methodenkompetenzen fördern, während Missionen insbesondere sozial-kommunikative und interkulturelle Fähigkeiten stärken. Die strukturelle Verankerung dieser Erfahrungen bleibt jedoch eine Herausforderung für die Personal- und Organisationsentwicklung.
Ein Beitrag analysiert, wie stereotype Vorstellungen polizeiliches Handeln prägen und sich auf Opferschutz sowie den Ermittlungserfolg bei Sexualstraftaten auswirken. Ein evaluiertes Fortbildungsprogramm vermittelt Täterstrategien und opferzentrierte Herangehensweisen, um professionelle und diskriminierungsfreie Ermittlungsarbeit zu fördern.
Auch die Auswahl von Polizeibewerber*innen ist ein entscheidender Faktor für eine widerstandsfähige Polizei. Wiederholte Fälle polizeilichen Fehlverhaltens werfen Fragen nach Radikalisierungstendenzen und eignungsdiagnostischen Verfahren auf. Untersucht wird, inwiefern psychologische Diagnostik kontraproduktives Verhalten frühzeitig erkennen kann. Ergänzend wird in einem Beitrag der Einfluss von Selektion und Sozialisation geschlechts- und sexualitätsbezogener Einstellungen bei angehenden Polizeibeamt*innen betrachtet.
Polizeiliches Handeln wird oft durch Routinen bestimmt, die in stressreichen Situationen verstärkt zum Tragen kommen. Ein Projekt überprüft, welche psychologischen Mechanismen – darunter Handlungsergebniserwartungen, Selbstwirksamkeit und soziale Kontexte – das Verhalten in dynamischen Einsatzlagen beeinflussen und welche Rolle das Deeskalationsmodell KODIAK in der polizeilichen Aus- und Fortbildung spielt.
Das Symposium vereint Expert*innen aus Sozialpsychologie, Kriminalpsychologie und Polizeiwissenschaften und zeigt, wie interdisziplinäre sozialpsychologische Forschung zur Weiterentwicklung polizeiliche Handlungsfelder beitragen kann. Es lädt zur Reflexion darüber ein, wie Auswahlprozesse, Fortbildung und Organisationskultur professionalisiert werden können, um stereotype Denkmuster zu hinterfragen, Fehlverhalten zu minimieren und Deeskalationsstrategien nachhaltig zu verankern.
Ausgangspunkt dieses Beitrags ist die Annahme, dass individuelle Kompetenzen, die durch berufliche Auslandsaufenthalte erworben wurden, Polizeiorganisationen helfen, aktuellen Anforderungen besser gerecht zu werden. Eine Reihe von Studien zeigt, dass Rückkehrer:innen von Auslandsaufenthalten beruflich in vielerlei Hinsicht profitieren: Sie bauen sprachliche Fähigkeiten aus, erweitern das fachliche Wissen, stärken die Persönlichkeit und erwerben interkulturelle Kompetenzen, die in vielfältiger Hinsicht die Karriereentwicklung unterstützen. Während der Kompetenzerwerb von Teilnehmenden an Auslandsstudienprogrammen bereits intensiv untersucht wurde, gibt es noch immer einen Mangel an Wissen über die Vorteile, die mit internationaler Polizeiarbeit einhergehen. Daher zielt dieser Beitrag darauf ab, (a) die relative Bedeutung der kognitiven, affektiven und verhaltensbezogenen Kompetenzzuwächse von zurückgekehrten Polizeibeamt:innen in Abhängigkeit der Art der Auslandsverwendung (Auslandsmissionen vs. Austauschprogramme) zu analysieren und (b) den Zusammenhang zwischen erworbenen Kompetenzen und den Karrierechancen der Polizeibeamt:innen zu bestimmen. Zu diesem Zweck haben wir eine online-basierte Befragung mit 130 deutschen Polizeibeamt:innen durchgeführt, die in den letzten Jahren entweder von Polizeimissionen (N=53) oder von Austauschprogrammen (N=77) zurückgekehrt sind. Die Ergebnisse bestätigen, dass Polizeibeamt:innen beider Gruppen von internationaler Einsatzerfahrung profitieren: Polizeibeamt:innen, die an internationalen Austauschprogrammen teilgenommen haben, bauen vor allem ihre Fach- und Methodenkompetenz aus, während Polizeibeamt:innen, die auf Mission waren, vordergründig Zuwächse ihrer sozial-kommunikativen und interkulturellen Fähigkeiten verzeichnen. Einen Mangel an Anerkennung durch Vorgesetzte und der Polizeiorganisation als solches wird vor allem von Polizeibeamt:innen, die auf Mission waren, problematisiert. Die Ergebnisse werden im Hinblick auf den individuellen und organisatorischen Wert internationaler Polizeiarbeit diskutiert.
Polizeiliche Organisationen stehen im Fokus wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Debatten über diskriminierende Strukturen und vergeschlechtlichte Machtverhältnisse. Dabei gilt die berufliche Sozialisation von Polizeibeamt*innen als zentraler Faktor für mögliche Entwicklungen und Verfestigungen von Einstellungen, die sich in der Organisationskultur und im polizeilichen Handeln widerspiegeln können.
Dabei stellt sich die Frage, inwiefern und wann Mechanismen wirken, die bestimmte Geschlechterbilder bzw. normative Vorstellungen über sexuelle Identität herausfordern (Panter, 2015). Der Beitrag beleuchtet die Selektion und Sozialisation angehender Polizeibeamtinnen (Ashlock, 2019) im Hinblick auf geschlechts- und sexualitätsbezogene Einstellungen und analysiert, inwiefern tradierte Geschlechterrollenbilder sowie sexistische und heteronormative Vorstellungen im polizeilichen Umfeld reproduziert oder infrage gestellt werden. Neben individuellen, institutionellen und strukturellen Faktoren wird auch die sprachliche Praxis betrachtet, insbesondere das Gendern als Verhaltenskomponente, die Rückschlüsse auf Normvorstellungen und deren Veränderungspotenzial erlaubt (Bailey et al., 2022; Gabriel & Gygax, 2008). Methodisch stützt sich die Untersuchung auf eine Kombination aus quantitativen und qualitativen Verfahren, darunter Selbstauskünfte von Polizeianwärter*innen und Einschätzungen erfahrener Polizeibeamt*innen.
Die vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass geschlechtsbezogene Stereotype früh wirksam sind. Während jüngere Generationen weniger stark ausgeprägte geschlechtsstereotype Einstellungen und Verhaltensweisen zeigen, bleiben Zahlen und Berichte über geschlechtsbezogene Diskriminierungserfahrungen über verschiedene Kohorten hinweg auf ähnlichem Niveau (vgl. Megavo, 2024). Diese Ergebnisse werden mit dem gleichzeitig angestoßenen sprachlichen Wandel, etwa durch verstärkte Nutzung geschlechtersensibler Formulierungen in der Institution (Burnett & Pozniak, 2021), kontrastiert, um herauszuarbeiten, dass eine Veränderung tief verankerter Geschlechternormen eine große Herausforderung bleibt.
Die Befunde unterstreichen die Notwendigkeit einer kritischen Reflexion bestehender Einstellungsmuster sowie institutioneller Veränderungsprozesse zur Förderung von Geschlechtergerechtigkeit innerhalb der Polizei.
Wiederholte Fälle polizeilichen Fehlverhaltens werfen Fragen nach Radikalisierungstendenzen und demokratischer Widerstandsfähigkeit unter Polizist:innen auf. In diesem Zusammenhang gewinnt die Personalauswahl besondere Bedeutung, da Polizeibeamt:innen in der Regel langfristig im Dienst verbleiben. Während eignungsdiagnostische Verfahren zur Identifikation geeigneter Bewerber:innen etabliert sind, wird bislang wenig untersucht, inwiefern diese Verfahren auch zur Vorhersage unerwünschten Verhaltens genutzt werden können. Das Projekt CHARAKTER widmet sich dieser Forschungslücke und untersucht, welche psychologischen Verfahren geeignet sind, um polizeilich relevante Formen kontraproduktiven Verhaltens vorherzusagen und ungeeignete Bewerber:innen frühzeitig zu identifizieren.
Das Projekt baut auf den Erkenntnissen des Forschungsprojekts POLNACH zur polizeilichen Nachwuchsgewinnung auf, das bereits ein evidenzbasiertes Anforderungsprofil für den Polizeiberuf entwickelte. Während POLNACH den Fokus auf die Prognose von Ausbildungs- und Berufserfolg legte, erweitert CHARAKTER die Diagnostik um die Vorhersage kontraproduktiven Verhaltens.
In einem ersten, qualitativen Forschungsteil werden aktuell Interviews mit Polizeibeamt:innen, Auszubildenden, Lehrkräften und Beschwerdestellenleiter:innen geführt sowie Bürgerbeschwerden analysiert. Ziel ist es, typische und relevante Formen schädigenden Verhaltens im Polizeidienst zu identifizieren. In der zweiten Phase wird untersucht, inwiefern charakterliche Eigenschaften mit dem Auftreten dieser Verhaltensweisen korrelieren. Die daraus abgeleiteten Befunde sollen praxisnahe Empfehlungen für die Personalauswahl liefern, um Bewerber:innen mit erhöhtem Risiko für schädigende Verhaltensweisen frühzeitig zu identifizieren und so eine nachhaltige Qualitätssicherung im Polizeidienst zu gewährleisten.
Der Beitrag präsentiert den aktuellen Stand des Projekts sowie erste Ergebnisse aus der qualitativen Erhebungsphase. CHARAKTER ist eine Kooperation der HWR Berlin mit der Akademie der Polizei Hamburg. Die Projektleitung an der HWR Berlin liegt bei Prof. Dr. Wim Nettelnstroth.
Das Sexualstrafrecht in Deutschland wurde seit den 1970er Jahren mehrfach reformiert. Während es gesellschaftlichen Veränderungen angepasst wurde, erfolgte gleichzeitig eine verstärkte Berücksichtigung der sexuellen Selbstbestimmung (Albrecht, 2011). Zudem bemühen sich Legislative und Exekutive um besseren Opferschutz (Acker, 2021; Hartmann et al., 2016; Weber, 2023). Eine evaluierte Fortbildung für Berliner Polizei und Justiz existiert bisher nicht, um Fachkräfte hinsichtlich des psychologischen Schutzes von Betroffenen zu stärken. Diese Lücke soll das vorliegende Forschungsprojekt schließen.
Studien zeigen, dass Polizeibeamt_innen teils ungünstige Einstellungen zu Sexualstraftaten haben (Gekoski et al., 2024; Shaw et al., 2017; Sleath & Bull, 2015), was negative Folgen für Ermittlung und Opfer haben kann (Garza & Franklin, 2021; McQueen et al., 2021). Eine deliktsspezifische Fortbildung kann Einstellungen verbessern und Kompetenzen stärken (Lathan et al., 2019; Murphy & Hine, 2019; Tidmarsh et al., 2019).
Die Fortbildung umfasst zwei Schwerpunkte: "Täterfokus" und "Opferzentrierung". Der Täterfokus betont die tatverursachende Täterhandlung, während die Opferzentrierung psychosoziale Bedürfnisse Betroffener berücksichtigt (Tidmarsh et al., 2012). Inhalte wurden in Expert_innen-Interviews entwickelt und im Polizeistudium erprobt. Die zweitägige Fortbildung besteht aus acht Modulen, darunter "Täterstrategien", "Rapportaufbau" und "Gegenwehrverhalten".
Von April bis Juni 2023 wurde die Fortbildung mit 81 Teilnehmenden aus dem LKA 13 und fünf weiteren Ermittler_innen durchgeführt. Die Evaluation basiert auf einem Wartekontrollgruppendesign und umfasst Messungen zu Wissen, Einstellungen und Opferzentrierung. Perspektivisch soll sie in ein "Train-the-Trainer"-Konzept überführt werden, um eine langfristige Implementierung sicherzustellen.
Vorgestellt werden Kernbestandteile des Trainings und erste Ergebnisse der Evaluation.